Filiale für Erinnerung auf Zeit

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2.- 6. September 2000
HAMBURGER KAMMERSPIELE

 

Konzept Hannah Hurtzig, Anselm Franke
Raum Penelope Wehrli
Medienarchitektur visomat inc., Berlin
Internet-Edition Wieske's Crew KG (nach einer Idee von Peter Gorschlüter und Felix Götz)
Führungen Studenten der Literaturwissenschaften und des Studiengangs Schauspieltheater-Regie der Universität Hamburg
Produktionsleitung Katharina von Wilcke
Recherche und Seminarbegleitung Sonja Valentin
Beratung Lutz Engelke, Katharina Albrecht, triad, Berlin
Frau Dr. Müller-Wesemann, Zentrum für Theaterforschung der Universität Hamburg

Eine Produktion der Hamburger Kammerspiele
Das Projekt wird von zwei Lehrveranstaltungen an der Universität Hamburg, Literaturwissenschaft und Regiestudiengang, begleitet.



Filiale für Erinnerung auf Zeit

 

 

No Geist without Ghost. T. E. Hulme

Die "Filiale für Erinnerung auf Zeit" ist ein sprechender Erinnerungsort. Das gesamte Haus der Hamburger Kammerspiele mit Keller, Nebenräumen und Dachboden wird zu einer medialen Installation, die den Vorgang und die Konstruktion von persönlicher und kollektiver Erinnerung beobachtbar macht.

Sich erinnern, das ist ein intimer, persönlicher Moment, der sich gleichzeitig auf der Folie kollektiver Erinnerung abbildet und die Gedächtnismetaphern vergangener Zeiten zitiert. Es ist ein aktuelles, in der Gegenwart stattfindendes Ereignis des Einprägens und Rückrufens spezifischer Inhalte, ein Dekonstruktions- und Konstruktionsvorgang, der so entgegengesetzte Funktionen wie das Bewahren und Löschen von Daten leisten muß.
In der "Filiale für Erinnerung auf Zeit" kann man diesen Vorgang im Gespräch zwischen Erzähler und Zuhörer, im Dialog von Fachleuten und im Interview mit dem Publikum verfolgen.

Das labyrinthische Gebäude der Hamburger Kammerspiele ist die Bühne, auf der man die Etablierung und den Entwurf von Erinnerung im Sprechen erleben kann: als eine grelle Sprachgaukelei oder ein raunendes Melodrama, als eine scheinbar ehrliche oder brillant gelogene, eine plötzlich auftauchende oder lang vorangekündigte Veranstaltung unseres privaten Gedächtnistheaters, in dem wir gleichzeitig als Autor, Darsteller, Regisseur und Souffleur auftreten.


Die Gesprächsformate
Es treffen sich Künstler, Wissenschaftler, Zeitzeugen, Medientheoretiker, Archivare und Sammler, die sich im Gespräch zu zweit zu verschiedenen Aspekten der Erinnerungs- und Gedächtniskunst unterhalten werden. Es sind keine Vorträge oder Reden, in der "Filiale" wird dialogisierend nachgedacht und sich erinnert. Es gibt fünf verschiedene Gesprächsformate: Fachgespräche, Vorstellungen von Archiven und Forschungsprojekten, Präsentationen von Künstlern und deren privaten Sammlungen, Interviews mit dem Publikum und ein Erinnerungslaboratorium.


Schlingensief erzählt 4 Stunden


Die Büros und die Wunderkammer der "Filiale"
Die Gesprächspartner begegnen sich in den Büros der "Filiale", die in dem Publikum bisher unbekannten kleinen Räumen im Keller und auf dem Dachboden der Kammerspiele liegen.


Peter Fitz und Haralampi Oroschakoff

Themen sind u.a. die Veränderung der Gedächtnis- und Erinnerungsmetaphern im Medienzeitalter, Ritualen und Denkmälern des Erinnerns, die jüdischen Geschichte des Hauses Hartungstraße 9, die Problematik digitaler Archivierung, Traumaforschung.
Die Zweiergespräche werden direkt in die mediale Installation gesendet, die im Zuschauersaal und auf der Bühne situiert ist. Der Besucher beobachtet die "talking heads" auf Monitoren und Projektionen. Es wird gleichzeitig aus 9 Büros gesendet, das sind 18 Gesprächspartner, jeweils ein Sprechender erscheint auf einem Monitor.
Dies ist der öffentliche Ort, der Marktplatz, die Wunderkammer der "Filiale" zu der jeder Zugang hat und demokratisch/ voyeuristisch an den Dialogen teilnehmen kann.
Diese "Wunderkammer der Worte" ist eine Ausstellung kommunizierender Monitore, die ein immaterielles, fließendes, vorüberziehendes Abbild um den Vorgang des Erinnerns zeigen. Ein permanenter sich überlagernder, überlappender Sprachfluß, ein verspiegelter Gegenwartsraum des Erinnerns, ein akustisches Palimpsest.

Der Besucher hat verschiedene Möglichkeiten der Beteiligung: er kann Fragen in die Büros schicken, er kann in einigen der Büros Gesprächstermine vereinbaren, er kann sich selber von Fachleuten der "oral history"-Forschung interviewen lassen, oder mit einer Voranmeldung die im Keller ausgestellten Archive einsehen und es finden täglich mehrere Hausführungen statt.


Die Edition
Die Gespräche aus der "Filiale für Erinnerung auf Zeit" werden nicht aufgezeichnet,
es soll kein neues Archiv entstehen. Die Gespräche stehen kurz, in einer limitierten Edition, als Tondokumente auf der Homepage des Projektes zum Download zur Verfügung. Um die Tondatei herunterladen zu können, muß der Klient seine E-Mail-Adresse angeben. Ist die entsprechende Anzahl von limitierten Dateien heruntergeladen, sind auf der Website nur noch die E-Mail-Adressen der Besitzer verzeichnet, entsprechend wird die Website früher oder später nur noch Referenz-Adressen aufweisen. So werden die Informationen und Dokumente zu dem Projekt "Filiale für Erinnerung auf Zeit" zunächst privatisiert, einige Personen fungieren als Archivare dieser Informationen, dann verschwindet das ganze Projekt im Netz. Es gibt zwar noch die Möglichkeit eines Zugangs, man erfährt eine Adresse, aber wer dahinter steht, wie man die Informationen abfragen muß, das bleibt geheimnisvoll, wie für K. der Zugang ins Schloß.


Splitt Screen mit Treppen und u.a. Hannes Heer, Angela Richter,
Anette Leo, Via Lewandowsky, Ulrike Poppe, Christoph Schlingensief,
Alexander von Platow, Haralampi Oroschakoff, Julius Deutschbauer

Ein temporärer Erinnerungsort
"Der Schritt vom Vergessen zum symbolischen Gedenken ist wesentlich kürzer als der zur aktiven Erinnerungsarbeit." Aleida Assmann

Vorübergehend, für fünf Tage, entsteht hier ein Begegnungsort, der an sich selbst erinnert. Kein Denkmal, kein festgeschriebenes Ritual, kein auf Dauer gedachtes Gedächtnismodell, sondern ein dialogischer Beobachter- und Benutzerraum, der Erinnerungsprozesse und -techniken veröffentlicht, ohne symbolische Lesart und künstlerische Monumentalisierung.
Die "Filiale" ist vier Stunden pro Tag für das Publikum geöffnet ist und bezieht sich somit auch auf die tagsüber geöffnete Versammlungsstätte der 20er und 30er Jahre, bevor das Haus zum Veranstaltungsort und Theater wurde.

Texte zur Filale für Erinnerung auf Zeit:

>> Dr. Wolfgang Ernst zur Filiale für Erinnerung auf Zeit

>> Viola Roggenkamp an Hannah Hurtzig

Gesamtprogramm