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Öffentliche Interviews:
Samstag, 11. 05. und Samstag 8.06. jeweils 10–14h & 15– 18h

Öffentliches Gespräch der WissenschaftlerInnen:
Sonntag, 12. 05., 12–15h
und Sonntag, 9. 06., 14-17h

Secession, Wien, Eröffnung:
10. Mai 2013, 19 Uhr

Im Rahmen der Ausstellung „Unruhe der Form / Entwürfe des politischen Subjekts. Ein Ausstellungsparcours von Wiener Festwochen, Secession, Akademie der bildenden Künste Wien in Kooperation mit MuseumsQuartier Wien.

Kuratiert von Karl Baratta, Stefanie Carp, Matthias Pees, Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer

 

 


 

 


Das Milieu der Toten
Installation von Hannah Hurtzig

Interview mit einer Leichendarstellerin (Video, 12 Min.)
Übung über den Tod (Video, 12 Min.)


Standbild aus dem Interview

„Es ist nämlich ein Irrtum, dass die Toten tot sind“
Alexander Kluge

Das erste Portrait war der Leichnam. Der Blick in das Gesicht eines Toten war das früheste Bild, das sich der Mensch vom Menschen machte. Ein rätselhaftes Bild, denn die Leiche ist ein Doppelgänger, sie zeigt den Verstorbenen, es ist sein/ihr Gesicht und gleichzeitig stellt sie dessen Abwesenheit aus, das Gesicht des Todes. Die Leiche ist selbst schon ein Double - man nimmt gleichzeitig Zeichen von Anwesenheit und Abwesenheit an ihr wahr.
Jemand ist da und gegangen: Dieses Paradox muss z.B. eine Schauspielerin, die Leichen spielt, darstellen können: eine anwesende Abwesenheit. Das Film-Team beobachtet aufmerksam, wie perfekt sie die Leblosigkeit spielt, ob es ihr gelingt zum reglosen Bild ihrer selbst zu werden. Betrachten wir dagegen einen Verstorbenen, suchen wir nach Zeichen des Lebendigen, die ein Wiedererkennen und Erinnerungen ermöglichen: solange wir leben sind die Toten nicht tot.


Fotos: Armin Bardel

Eine stabile Beziehung, ein Verhalten, der Versuch eine gemeinsame Sprache für dieses Verhältnis zu finden ist problematisch. Das Milieu der Toten untersucht in diesem Zusammenhang ein geographisches Problem: Wo ist der Ort für jene, die nicht mehr da sind, aber weiterhin Bedürfnisse und Forderungen an die Lebenden haben?
Offensichtlich ist die Populär-Kultur ein guter Aufenthaltsort für die Toten, da tummeln sie sich derzeit in Filmen, TV-Serien, Literatur und Comics. Philosophie und Psychoanalyse dagegen bieten ein schlechtes Milieu, Wissenschaft überhaupt verleugnet die Anwesenheit der Toten, hier werden sie zu Allegorien, Phantomen, Gespenstern, Wesen unserer Phantasie erklärt und in den Bereich der symbolischen Zeichen abgeschoben. So einfach geht das aber nicht.

 

Die Toten sind unabhängig und präsent und haben sich schon längst in ihrer ganzen Zwiespältigkeit bei uns eingenistet. Es bleibt unklar, wer hier zuerst agiert, wer wen zuerst sieht und ob die Toten mich ansprechen, durch mich sprechen, oder ich meine eigene innere Stimme übersetze. Die Beziehung mit den Toten besteht auf Irrtum und Zweifel. Auch das Paradox des Leichnams bleibt. Es gilt also systematische Verwandtschaftsforschung zu betreiben. Das Milieu der Toten bietet dazu drei Versuchsanordnungen an: Eine dynamische Meditationsübung, die den Übergang vom lebenden Menschen in die Bildwerdung des Verstorben visualisiert. Ein Interview zur Schauspieltechnik der Leichendarstellung. Und eine Begegnung mit drei Wissenschaftlern, die sich an mehreren Tagen in der Wiener Secession treffen, um dort öffentliche Interviews und Gespräche zu führen. Sie formulieren daraus einen Forschungsantrag, in dem die Voraussetzungen und Bedingungen eines guten gemeinsamen Milieu von Lebendigen und Toten geklärt werden sollen.


Das Milieu der Toten

Die Schauspielerin: Susanne Sachsse

Die Wissenschaftler: Dr. Philipp Ekardt, Prof. Dr. Petra Gehring, Prof. Dr. Karin Harrasser

Stimme der Übung: Klaus-Dieter Klebsch

Video: Philipp Hochleichter

Ton: Tito Knapp

Architekturzeichnung: Florian Stirnemann

Maske: Tan Binh Nguyen

Beratung: Alice Chauchat

Assistenz Video: Anne Kathrin Lewerenz

Mit Dank an: Elisabeth Bronfen, Vinciane Despret, Gertrud Koch, Thomas Macho

Ko-produktion: Wiener Festwochen, Theater Oberhausen und Mobile Akademie Berlin.


Probeaufnahme in den Uferstudios, Berlin


Team:

Dr. Philipp Ekardt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Peter Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Modeexperte. Akademische Veröffentlichungen u.a. zu Benjamins Modephilosophie und Simmels Modesoziologie. Vorträge zu Mode-bezogenen Themen u.a. an Harvard, am Warburg Institute (London) und an der Oxford University. In diesem Zusammenhang auch Beschäftigung mit dem Konnex von la mode und la mort, im Sinne einer Hingabe der Mode ans Vergehen, sowie zur Farbe Schwarz („Nous célébrons tous quelque enterrement“ – Baudelaire). Zahlreiche Modekritiken und Interviews, u.a. mit der Modetheoretikerin Barbara Vinken und dem Desiner Helmut Lang.

Petra Gehring ist Professorin für Philosophie am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die Geschichte der Konzepte »Leben« und »Tod«, Theorien der Grenzziehung zwischen Wachen, Schlafen und Träumen sowie sterbepolitische Fragen der modernen Biomedizin. 2010 veröffentlichte sie „Theorien des Todes: Zur Einführung“ (Hamburg 2011), zuvor erschien „Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens“ (Frankfurt/M., New York 2006) sowie hrsg. gemeinsam mit Marc Rölli und Maxine Saborowski: „Ambivalenzen des Todes. Wirklichkeit des Sterbens und Todestheorien heute“ (Darmstadt 2007).

Prof. Dr. Karin Harrasser, lehrt und forscht an der Kunstuniversität Linz. Ihre Forschung zur Kultur- und Theoriegeschichte der Prothetik hat sie an ein Nachdenken über Lebendiges und Dingliches herangeführt. Der Tod als unverfügbare Grenze zu etwas anderem oder nichts scheint ihr unerforschbar aber vielleicht im Kino ermessbar. Derzeit schreibt sie ein kleines Buch mit dem Titel “Körper 2.0. Über die technische Erweiterbarkeit des Menschen”und ist davon überzeugt, dass die interessanteren Erweiterungen im Symbolischen und im Sozialen stattfinden. Außerdem beschäftigte sie sich in letzter Zeit häufig mit Alexander Kluge, Gilles Deleuze und Siegfried Kracauers Ideen zu Zeit, Sterblichkeit und Geschichte.

Susanne Sachsse ist Schauspielerin und Regiesseurin. Sie war am Berliner Ensemble engagiert und arbeitete dort mit Heiner Müller, Robert Wilson und Einar Schleef. 2001 co-gründete sie das Künstlerkollektiv CHEAP. Sie arbeitet in verschiedenen Performance- und Kunstkontexten u.a. mit Yael Bartana, Phil Collins, Keren Cytter, Hannah Hurtzig, Katya Sander und Vegard Vinge und realisierte mit dem kanadischen Filmemacher Bruce LaBruce mehrere Film- und Theaterprojekte. Während eines 2jährigen Rechercheaufenthalts in Los Angeles began ihre langjährige Zusammenarbeit mit Vaginal Davis. In dieser Zeit arbeitete sie in verschiedenen Fernsehserien, meist als Leichendarstellerin. Sie lebt in Berlin.

Hannah Hurtzig konzipiert mit dem Produktionshaus „Mobile Akademie“ Formate und Installationen zum Wissenstransfer, Gedächtnisräume und mobile Archive. Sie entwarf das Programm „Geister, Gespenster, Phantome und die Orte an denen sie leben“ für die Kunst-Akademie in Warschau und leitete den Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen:
“Unbekanntes, unsichtbares und gespenstisches Wissen„ in Tel Aviv/ Jaffa 2009. Sie war die künstlerische Leiterin des Kongresses: Die Untoten. Life Science & Pulp Fiction in Hamburg 2011. Sie lebt in Berlin.

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