Wladimir Velminski, Petra Gehring, Karin Harrasser
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Freitag, 6. Dezember, 19 Uhr
Bauhausbühne Dessau

Im Rahmen des Festivals:
Mensch-Raum-Maschine. Bühnenexperimente am Bauhaus
Eröffnung mit Vorträgen, Diskussionen, Performances und einem Fest
5. bis 7. Dezember 2013
Stiftung Bauhaus Dessau

Konzept:
Das Schnittstellen-Projekt für das Bauhaus Dessau entstand in Zusammenarbeit mit Philipp Hochleichter und Susanne Sachsse. MitarbeiterInnen auf der Bühne: Umbauten Theresa Nilkes, Martin Kahles, Tony Fröhlich, die beiden Kameraassistenten Nils Albertsen, Frederic Klamt, alle vom Offenen Kanal Wettin, Tim Leik am Klavier, die Inspizientin Jaike Renske Hermann, der Filmemacher und Fotograf Necmi Ismail, die Garderobiere Angela, Andreas Greiner und Gerd Rolfes am Licht, Joachim Oppermann am Ton.

Mit besonderem Dank an Christian Hiller, Torsten Blume, Michael Killmann, Torsten Pauer, Diana Schmidt und natürlich Philipp Oswalt. Das Projekt wurde gesponsert von dem Designmöbelhaus „Das Schoene“ in Reutlingen.

Die drei Kostüme des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer wurden 2007 bis 2010 am Senac Universitätszentrum Sao Paulo im Rahmen eines interdisziplinären studentischen Forschungsprojektes rekonstruiert und werden 2013 der Stiftung Bauhaus Dessau im Kontext einer auf drei Jahre angelegten Kooperation zum Thema Modernerezeption als Schenkung übergeben.


Die Schnittstellen- und Adapterproblematik
Eine Gesprächskonstellation der Mobilen Akademie Berlin


Fotos: Doreen Ritzau

Zum Abschluss des zweiten Tags des Symposiums am Bauhaus Dessau inszeniert die Mobile Akademie ein Gespräch von drei Wissenschaftler_innen, die sich über einen Aspekt des Mensch-Maschine Themas unterhalten, das am Bauhaus eine Leerstelle ist.

Schlemmer forschte zur Mechanisierung des Menschen und wollte durch das konsequente In-Szene-Setzen dieser Idee in formalen Bühnen-Exerzitien das Unmechanisierbare entdecken. Das Forschungsziel war eine übernatürliche Bewegungsfreiheit, eine technisch, organische und transzendentale Verbesserung auf dem Weg zur Erfindung des vollkommenen Maschinisten. Das Bauhaus gab ein Versprechen auf die Zukunft und werkelte an einer mathematischen Version der Mensch-Maschinen-Welt. Die nahe Vergangenheit, die gerade erlebten Traumata des Maschinenkriegs, der die Menschen zu Material-Lieferanten gemacht hatte, interessierte das Bauhaus vergleichsweise wenig. Weder die soziale Schnittstelle des Krieges noch die am versehrten Körper angebrachten Technologien, die Prothesen, wo der lädierte Mensch und Mechanik aufeinandertreffen, repariert, verschaltet und passend gemacht werden müssen, haben einen Auftritt auf der Bauhausbühne. Die Wunde, die diese Schnittstelle darstellen kann und ihre Ersatzbauteile werden nicht thematisiert.

Die drei eingeladenen Wissenschaftler_innen sind Experten_innen der Schnittstellenproblematik mit unterschiedlichen Forschungsansätzen. Petra Gehring’s Thema sind die sterbe- und technikpolitischen Fragen der Biomedizin, Karin Harrasser forscht zur Kultur- und Wissensgeschichte der Prothetik und Wladimir Velminski veröffentlichte zu sowjetische Gedankenexperimenten und Maschinentheorien. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie der technischen Optimierung, einer verinnerlichten Kultur der Selbstverbesserung und ästhetisch kognitiven Selbsttechniken misstrauen und das Anfällige und Fragile von Körper und Seele in die Arena des Handelns und Imaginierens zurückholen wollen. Die im Bauhaus fehlende Schnittstellen- und Adapterproblematik werden sie anhand von drei Erzählungen aus Kunst und Wissenschaft darstellen.

Team:
Philosophie ist eine Beobachtungswissenschaft - und zwar eine, die auch beobachtet, wie Wissenschaft sich ihre eigenen Gegenstände schafft, mitsamt den dazu passenden Darstellungsformen: Daten- und Zahlenbündel, Bilder, Begriffe sowie hinreichend verlässliche technische Effekte (z.B. ein sich bewegendes, ein blinkendes, ein "interagierendes" Artefakt). Hier setzen Petra Gehrings wissenschafts- und technikphilosophische Arbeiten an. In Objekten wie bestimmten menschlichen Körperfunktionen oder dem Gehirn kommen alle diese wirklichkeitsstiftenden Formen zusammen, ob im Gedankenexperiment, im Labor oder eben "draußen", an dem Punkt, an dem wir merken: es geht um "uns". Was passiert, wenn die experimentierende Laborforschung das Feld wechselt und ihre Modellwelten mit den gelebten Welten des Alltags konfrontiert und dem, was uns geschichtlich selbstverständlich ist? Welche Praktiken, welche Normen, welche Erlebensformen und welche Machtfelder werden verändert? Was wird insbesondere aus “sterben”, “Tod” und “Leben”?

In den letzten Jahren hat sich Karin Harrasser mit der Kultur- und Wissensgeschichte der Prothetik beschäftigt. Wenn es um Körper und Technik geht, wissen wir wenig, aber ein Ahnungsvermögen sagt uns, dass unser Leib nicht endlos manipulierbar ist. Obwohl wir längst in enger Kooperation mit technischen Apparaten leben, haben wir nur ein eingeschränktes Arsenal an Bildern, Erzählungen und Begriffen, um dieses Zusammenleben (und zusammen Sterben) mit Maschinen zu begreifen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Möglichkeit der technische Erweiterbarkeit des Menschen mit gesundheitspolitischen und ökonomischen Fragen legiert ist. Es stellen sich dir klassischen Fragen nach dem guten Leben, nach dem Recht auf Imperfektion, nach Ressourcengerechtigkeit. Und es stellen sich ein paar nachklassische Fragen nach Modellen des Ko-Handelns mit Maschinen, nach Parahumanität und der Erweiterung der Physik hin zu einer 'Pataphysik: Hin zu einer Wissenschaft vom Singulären.

„Kommunismus - das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes.“ Mit diesem Slogan brachte Lenin die revolutionären Ziele seines Landes auf den Punkt. Doch was war damit gemeint? Die Forschung des Kunst- und Wissenschaftshistorikers Wladimir Velminski dreht sich um die Gehirn- und Gedankenexperimente in der Sowjetunion, von ihrer Gründung bis zum Zusammenbruch. Als Dilthey-Fellow an der ETH-Zürich untersucht er Theorien und Praktiken, welche sich in der Sowjetunion bis in die Öffentlichkeit auswirkten und dem Staatsapparat die Möglichkeit diverser Gedankenkontroll-Mechanismen sowohl innen wie auch außenpolitisch eröffneten.

Susanne Sachsse ist Schauspielerin und Regiesseurin. Sie war am Berliner Ensemble engagiert und arbeitete dort mit Heiner Müller, Robert Wilson und Einar Schleef. 2001 co-gründete sie das Künstlerkollektiv CHEAP. Sie arbeitet in verschiedenen Performance- und Kunstkontexten u.a. mit Yael Bartana, Phil Collins, Keren Cytter, Hannah Hurtzig, Katya Sander und Vegard Vinge/Ida Müller und realisierte mit dem kanadischen Filmemacher Bruce LaBruce mehrere Film- und Theaterprojekte. Während eines 2jährigen Rechercheaufenthalts in Los Angeles began ihre langjährige Zusammenarbeit mit Vaginal Davis. Ihr erster Film, "Serious Ladies" (2013) wurde in den Kunstwerken im Rahmen des Festivals "Living Archive" Berlin ausgestellt, sowie auf der Werkleitz Biennale, The Model (Irland), Experimenta (Bangalore) und auf dem Mumbai Film Festival gezeigt.

Die WissenschaftlerInnen werden an diesem Abend aber auch Modell für drei Bauhaus Tisch-Stühle-Ensembles sitzen, die dank standardisierter, massenweiser Herstellung zum Logo für den Möbel-Wallfahrtsort Bauhaus geworden sind. Die Sitzgruppen werden während der Veranstaltung für einen Katalog des Reutlinger Designmöbelhaus Das Schoene fotografiert, das auch Sponsor des Abends ist. Die drei Kostüme des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer "Scheibe", "Tänzerin in Weiß" und "Drahtkostüm", die in den Umbaupausen von Susanne Sachsse präsentiert werden, wurden 2007 bis 2010 am Senac Universitätszentrum Sao Paulo im Rahmen eines interdisziplinären studentischen Forschungsprojektes rekonstruiert und werden 2013 der Stiftung Bauhaus Dessau im Kontext einer auf drei Jahre angelegten Kooperation zum Thema Modernerezeption als Schenkung übergeben.

Die Dokumentation des Abends wird anschließend in der Ausstellung gezeigt.