CEREBROMATIK


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Samstag, 23. November 2013
18-23 Uhr


Aula im Kollegiengebäude I
der Universität Freiburg,
Platz der Universität 3

Eintritt frei. Durchgängig Einlass

 

Eine Koproduktion der Mobilen Akademie Berlin und des Exzellenzclusters BrainLinks-BrainTools der Universität Freiburg.
In Zusammenarbeit mit dem Theater Freiburg.

 

 


 

 


Cerebromatik
Über Schnittstellen, Gerätschaften, Hirnbilder

Trailer:
Ist jemand daheim?
http://www.youtube.com/watch?v=8Jwl8ZthUnI

Ist das Gehirn ein Computer?
http://www.youtube.com/watch?v=Ep7TJUjxyEA

zum Programm

In einer eintägigen experimentellen Beobachtungsstation stellen fünf Mitglieder des Exzellenzclusters „BrainLinks-BrainTools“ und fünf Forscher_innen anderer Disziplinen einen Gegenstand ihres Interesses vor und machen sich gleichzeitig zum Objekt dieses Experiments. Die zehn Forscher_innen, die sich noch nie begegnet sind, treffen sich zu öffentlichen Filmaufnahmen für die Pilot-Sendung der TV-Doku-Serie ‚Cerebromatik – damals und heute‘ (Erstausstrahlung: September 2014). Neben der Videoaufzeichnung, die das Publikum im Sichtungsraum live verfolgen kann, ist es auch möglich, sich als Statist zu beteiligen. Ausgestellt werden weiterhin Dokumente mit Statements und Liedern der Wissenschaftler, Bild- und Filmmaterial sowie erste Trailer.

Cerebromatik ist wissenschaftliche Zukunftssprache, 1964 erfunden vom polnischen Autor, Futurologen und Wissenschaftstheoretiker Stanislaw Lem. Er prognostizierte damit eine kognitive Entsprechung zur Prothetik – die technische -Manipulation der -neuronalen Hirnstruktur. Die fünf Dialogpartner diskutieren über Metaphern und Schnittstellen-problematiken zwischen Organismus und Technik im Gehirn.

THEMEN DER PILOT-SENDUNG
An den Schnittstellen von Hirn und technischem Gerät werden Informationen aus der Sprache der Nervenzellen in jene des Computers übersetzt und umgekehrt. Diese physische Schnittstelle, also das Konstrukt aus Kunststoffen und Metall, das mit dem Gehirn in Berührung kommt, muss dem Anspruch eines möglichst detaillierten Signalempfangs genügen, ohne den Körper zu schädigen. Würde man den Datenstrom an dieser Stelle verstehen, könnten die Menschen in Zukunft durch entsprechende Implantate direkt mit ihrem Gehirn Maschinen steuern. In den empfangenen Hirnsignalen ließen sich darüber hinaus krankhafte Muster entdecken, beispielsweise die ersten Anzeichen eines nahenden epileptischen Anfalls. Dann könnte das Implantat nicht nur Empfänger, sondern auch Sender sein und mit gezielten Stimulationen den Anfall autonom erkennen und abwehren.
In den fünf Dialogen werden zwei Adapterproblematiken diskutiert: Jene im Hirn sind noch weitgehend unerforscht und jene zwischen Geistes-und Naturwissenschaften behaupten sich wider besseren Wissens.


Foto: M.Korbel

Die Neurowissenschaften waren von Anfang an auch eine Geschichte der Hirnbilder, der Hirn-Metaphern. Das Unsichtbare, die geistigen Qualitäten werden in diese Bilder eingeschrieben und damit wissenschaftlich handhabbar. Natürlich sind Hirnbilder immer abhängig von den Medientechniken ihrer Zeit und spiegeln die jeweils vorherrschenden Faszinationen wider; das Gehirn wurde zu Zeiten als Webstuhl beschrieben, als Qualle, innerer Kosmos und Computer. Anatomisch-morphologische Bilder wie das der Qualle wirken heute kurios und wenig zielführend für ein besseres Verständnis. Aber auch im Falle funktionaler Bilder wie Graphen, Tabellen und Diagrammen kann man verfolgen, wie sich relativ spärliche Informationen und magere Zeichen in anerkannte wissenschaftliche Bilder verwandeln können. Die entstandenen Modelle und Metaphern machen die cerebrale Lokalisierung möglich, befördern jedoch gleichzeitig auch Mythenbildung und Verdunkelungsgefahr.
Seit den 1990er Jahren und mit dem Einsatz der bildgebenden Verfahren hat es einen neuen erfolgreichen Bilderschub gegeben: Es blinkt! Es feuert! Es denkt! Seitdem dient der Rechner kaum noch als Hirnmetapher, man spricht vielmehr von einem sich selbst organisierenden dynamischen System. Einige Aspekte dieser aktuellen Metapher – das Netzwerk, die Simulation, der Zusammenbruch, die Versammlung, der Maschinist – werden Gegenstand der Dialoge sein.

NEUROWISSENSCHAFTEN
Das Gehirn ist ein zukunftsträchtiges wissenschaftliches Objekt, denn es erlaubt sowohl Experimente und Hypothesen in der Grundlagenforschung als auch marktnahe Produktentwicklungen. Man sagt, die Menge an Geld, die in diese Forschung fließe, sei nur vergleichbar mit den finanziellen Mitteln, die bereitgestellt wurden, um Kennedys Vision der Mondlandung zu realisieren.
Den Beginn der modernen Neurobiologie markieren die zuckenden Froschschenkel des Luigi Galvani vor zwei Jahrhunderten; bildgebende Verfahren machen erst seit 20 Jahren die dynamischen Veränderungen im Gehirn sichtbar. Trotz dieser relativ kurzen Geschichte ist das Gehirn als Forschungsobjekt zu einem Akkumulations-Apparat für Zeichen, Techniken und Bedeutung geworden und hat sich als Repräsentationsraum etabliert, in dem sich die großen Fragen darstellen und diskutieren lassen: Haben wir einen freien Willen, eine Seele, einen Maschi-nisten, einen Taktgeber? Wie viel Technik vertragen wir? Werden wir gedacht? Ist Selbstoptimierung ein Kindheitswunsch? Manch eine fragt sich schon, ob die Neurowissenschaft beansprucht, die neue Sozial- und Verhaltenswissenschaft zu sein, ob sie eschatologische Letztauskünfte bereitstellen kann, ob hier gerade eine neue Universal-Disziplin entsteht – und ob Hirnbilder unsere neuen Selbst- und Menschenbilder sein werden.

Trotz der Vielfalt der Aussagen zu den unterschiedlichen Weltfragen und Fachdisziplinen, die in der Erforschung des Gehirns generiert werden, ist die Sprache der Hirnforschung schlicht und technizistisch-populär: Es wird vernetzt, verschaltet, rückgekoppelt und gesteuert, gesendet, gefeuert, hochgefahren, geladen und abgespeichert. Die Naturwissenschaften leiden an Sprachvergessenheit und da ist es nicht gerade hilfreich, dass sie sich im Forschungsprozess an eine eher simple Arbeitsteilung halten, die da lautet: Wir produzieren harte Fakten und Erkenntnisse und lassen die Kultur- und Geisteswissenschaften mal interpretieren, therapieren und konsumieren. Mit Fug und Recht könnte man deshalb behaupten, dass es aktuell gerade die Geisteswissenschaften sind, die ein Entzauberungsprogramm formulieren, um der Symbolproduktion und Bedeutungsüberfrachtung in den Naturwissenschaften – insbesondere den Neurowissenschaften – entgegenzutreten.

BRAINLINKS-BRAINTOOLS
Der Freiburger Exzellenzcluster BrainLinks-BrainTools ist ein Zusammenschluss von Forschenden, die auf unterschiedlichen Wegen und mit vielfältigen Methoden ein gemeinsames Ziel verfolgen. Der Cluster macht experimentelle Grundlagenforschung, pflanzt in invasiven Verfahren Geräte ins Gehirn, arbeitet an therapeutischen Szenarien, forscht hierfür an Mäusen und entwirft abstrakte und elegante Formeln. Die Aktivität des Gehirns wird auf möglichst umfassende Weise mathematisch beschrieben; das elektrische Getöse von Milliarden Nervenzellen wird abgehört; Elektroden zur verträglichen Einbettung ins Gewebe werden konstruiert; winzige Generatoren werden gebaut, die aus der Körperwärme elektrischen Strom erzeugen und Roboter fit gemacht, auf Gedankenbefehl Haushaltsarbeit zu erledigen.
www.brainlinks-braintools.uni-freiburg.de

 

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