18. Oktober 2002, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Der Flüchtling: Dienstleistungen an Unerwünschten
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>> Programm

Presse:
de:bug, 10/ 2002

Frankfurter Rundschau, 10/2002

TAZ, Oktober 2002

Eine Installation von
Anselm Franke und
Hannah Hurtzig
in Kooperation mit
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz


Koordination: Patricia Hecht
Organisation: Jana Bäskau


Die Fluten kommen über das Weltmeer und überschwemmen unsere Länder. Die Schreckensbilder des Flüchtlings als gesichtslose, anonyme Masse beschwören gerne Naturmetaphern. Aber schon jeder einzelne Flüchtling scheint eine bedrohliche Figur. Seiner entorteten, entrechteten Existenz, reduziert auf das nackte Leben, haftet ein Etikett des Barbarischen an. Der Flüchtling sprengt die grundlegende Vereinbarung unserer Zivilgesellschaft: den unverbrüchlichen Zusammenhang zwischen Menschsein und Bürgertum. In der Figur des Flüchtlings manifestiert sich ein ständiger Ausnahmezustand im Rechtsstaat. Eine marginalisierte Gruppe wird zur entscheidenden Figur der Krise des modernen Nationalstaates und zu einer politischen Schlüsselfrage. Der Flüchtling hat keinen Platz in der Bürgergesellschaft, die Vollmitgliedschaft wird ihm verweigert (es sei denn als ökonomisch einkalkulierbare Masse der Saisonarbeiter). Er bleibt weitgehend unsichtbar, fällt aus der öffentlichen Wahrnehmung und deren Repräsentationsmodellen heraus, solange sich nicht eine Benetton Kampagne seiner zu Imagezwecken annimmt.


Foto: Thomas Aurin

Gleichzeitig fixiert der Flüchtling eine Topographie der Ordnungsinstanzen, Kontroll- und Überwachungsorgane und militärischen Zurichtungen: Er markiert die Orte einer legalisierten Rechtlosigkeit. Der Ausnahmezustand, in dem sich jeder Flüchtling befindet, der ihn gleichzeitig kontrolliert und neutralisiert, ihn im selben Moment ein- und ausschließt, verweist auf den neurotischen Gestus, mit dem die Zivilgesellschaft ihre obsolete Ausgrenzungspolitik verteidigt. Die Veranstaltung "Dienstleistungen an Unerwünschten" zeichnet eine verborgene Geographie nach, innerhalb derer sich die Figur des Flüchtlings bewegt. Eingeladen sind ExpertInnen, die sich im Berufsalltag mit Flüchtlingen auseinandersetzen - Anwälte, Reporter, Sozialarbeiter, Aktivisten oder Theoretiker. Die Gespräche zwischen den ExpertInnen behandeln Themen der globalen Migration und deren Fluchtursachen, der Herstellung medialer Bilder des Flüchtlings, der Trauma-Therapien, des Grenzregimes und Polizeiaktionen, der rechtsphilosophischen Reflexion, der Selbstorganisation von Flüchtlingsinitiativen, der Diskurse von Hannah Arendt und Giorgio Agamben.


Madjiguène Cissé und Percy MacLean
Foto: Thomas Aurin



Filmvorführungen in den Kulissen der "Neustadt"
Foto: Thomas Aurin

Es sind Erfahrungsberichte, Analysen der Praxis, einzelne Fallstudien, die das Thema erzählend verhandeln, jenseits der vorherrschenden medialen Repräsentation und Bilderproduktion. Die einstündigen Dialoge und kommentierten Filme in den Häusern der Kulissenstadt "Neustadt" von Bert Neumann können vom umherwandernden Publikum über Kopfhörer verfolgt werden, indem es sich über verschiedene Kanäle in die simultan stattfindenden Gespräche einschalten kann. Die Veranstaltung inszeniert in den theatralen Kulissen der "NeuStadt" einen unhierarchischen Gesprächs- und Informationsraum, in dem sich die Vorstellungskraft trainieren lässt nicht nur an imaginäre Charaktere, sondern auch an die Wirklichkeit unbekannter Menschen zu glauben.


Zuschauer im Bühnenbild
Foto: Thomas Aurin