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Ein Treffpunkt von Theater, Feldforschung und Philosophie auf postindustriellem Gelände
Künstlerische Leitung: Hannah Hurtzig
Träger: Schauspielhaus Bochum

Das Neue ist immer schon da, weil es das Alte ist. Es ist alles da, nur wir verändern unseren Ort, damit den Blickwinkel, und das, was wir sehen, ist neu. Ohne unsere Bewegung: für uns nichts Neues. Neues für uns: nur durch Bewegung. Wolfgang Rihm, Komponist Wenn Sie glauben, alles unter Kontrolle zu haben, fahren Sie noch nicht schnell genug. Mario Andretti, Rennfahrer

Die Theatermacher haben inzwischen begriffen, daß sie die neuen Themen, Formen und Aufgaben ihrer Kunst nicht mehr allein aus dem Theater selber erschaffen können. Alle klauen und kopieren mittlerweile aus anderen Kunstdisziplinen und Medien. Nicht nur die Berufsbiographien der arbeitenden Bevölkerung ändern sich radikal von einer vertikalen und hierarchischen Orientierung (von einer Stelle zur nächst höheren Stelle) zu einer horizontalen (von einem Projekt zum nächsten Projekt). Auch das Berufsbild der Künstler und Theatermacher ist derselben Entwicklung unterworfen. Wir alle sind nomadisierende Experten, die isoliert an ihren Patchwork-Karrieren basteln und die Marktmechanismen für den Auftritt ihres Produkts zu nutzen wissen.

Aber trotz der großen interdisziplinären Mühen und seiner Sucht nach Aktualität will das Theater nie so ganz im Hier und Jetzt ankommen. Denn das Theater ist ein Gedächtnisraum. Und das meint mehr als nur einen effizienter Speicher, in dem man die neuesten Daten und Informationen ablegen und aus dem man sie wieder abrufen kann. Und das Theater ist ein öffentlicher Versammlungsort, erst in einem gemeinsamen Akt von Theatermachern und Publikum entsteht die Kunst.

Doch die Analyse ihrer politischen Bedeutung in der neuen Gesellschaft bleibt für die Theatermacher mühsam, theoretisch und äußerlich. Und außerdem fließt ja bekanntlich zwischen Wollen und Können der Mississippi. Während wir also in der Theater-Akademie weiter intensiv an unseren transdisziplinären Karrieren arbeiten werden, gehen wir gleichzeitig der Idee vom Theater als Versammlungsort nach. Erfüllt die Institution Theater diese Bedingung noch, oder welcher andere Ort könnte das heute tun? Und welche Rolle geben wir dabei dem Publikum?

Aber vor allem: Wie können wir dem Publikum wieder unvermutet und überraschend begegnen? Die Akademie bietet einen Monat zwischen Aktionismus und Nachdenklichkeit. Erfahrene Theatermacher arbeiten in Seminaren und praktischen Übungen mit den Studierenden. Dabei taucht die Theorie überraschend und unvorhergesehen an vielen verschiedenen Orten der Akademie auf - ein verführerischer Wegelagerer. Theoretiker der verschiedensten Disziplinen erzählen von den weiterreichenden Fragestellungen der Weltgesellschaft, die unseren Beruf betreffen: Wie verändern sich eigentlich zukünftig der Wert von Arbeit und die Berufsbiographien? Gibt es neue Modelle für eine kluge Vernetzung der Einzelschaffenden? Und: Wie läßt sich die gesellschaftliche Funktion von Theater neu definieren, ohne uns zu langweilen?

Die Kurse:
Schauspiel
Regie
Szenisches Schreiben
Bühnenbild und Lichtdesign
Theatermusik
Tanz

Jeder Kurs dauert vier Wochen. Er umfaßt ein konzentriertes Programm aus Lehrveranstaltungen, praktischen Aufgabenstellungen, handwerklichem Lernen und Feldforschung bis hin zu Aktionen und Präsentationen: ein Laboratorium des Lernens und Forschens, eine vierwöchige multiple Produktionseinheit. Pro Kurs begegnet man zwei bis drei international renommierten Dozenten, die zwischen einer und drei Wochen unterrichten. Zusätzlich sind Gastdozenten eingeladen, die die behandelten Themen mit Vorträgen, Kurzworkshops und Arbeitsdemonstrationen noch einmal anders beleuchten: Historiker, Tourismusforscher, Archivare, Journalisten, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler und DJs. Die Kurse werden von Mentoren begleitet. Für Entspannung und Anregung sorgt der Club am Abend.

Eröffnungsrede:
Ritsaert ten Cate, Amsterdam Direktor von DasArts, De Amsterdamse School Advanced Research in Theatre and Dance Studies

"Zwei Stimmen" Gastspiel der Theatergroep Hollandia
Regie: Johan Simons
Darsteller: Jeroen Willems
Am 2. Juli, 21 Uhr in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum

Durch die Gegenüberstellung literarischer Texte und realer Aussagen aus dem internationalen Topmangement schafft die Gruppe Hollandia eine neue Form politischen Theaters. In ihrem Stück "Zwei Stimmen" portraitiert Jeroen Willems - unter Verwendung von Texten des italienischen Autors und Cineasten Pier Paolo Pasolini - vier Machthaber aus der heutigen Zeit: einen Intellektuellen, einen Unternehmer, einen kriminellen Topmanager und einen Kleriker. Gemeinsam halten sie die heutige Gesellschaft wie eine Schlangenbrut in ihrem Griff. Dazwischen taucht ein fünfter Machthaber auf: der derzeitige Vorstandsvorsitzende von Shell International, Cor Herkströter, der die moralischen Dilemmata und die gesellschaftliche Verantwortung von multinationalen Unternehmen reflektiert. Scheinbar mühelos verwandelt sich Jeroen Willems, höflich und charmant plaudernd, in diese fünf lächelnden Figuren der Macht.

Gefördert von:
Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport NRW
Kultur Ruhr GmbH
Union des Théâtres de l'Europe
EU-Kommission Brüssel
Kulturministerien von Frankreich und Ungarn

Kooperationspartner:
Union des Théâtres de l'Europe,
Paris "Tanzlandschaft Ruhr",
Choreographisches Zentrum NRW,
Essen Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Witten/Herdecke
BSB des wohnungswirtschaftlichen Bildungszentrums,
Bochum Musikschule und Stadtarchiv der Stadt Bochum und Bochumer Symphoniker
Open Society Institute/Soros Foundation, Budapest
Westfälisches Industriemuseum, Dortmund
Deutsches Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst, Bochum

Geschäftsführung:
Dr. Ute Canaris
Assistenz der künstlerischen Leitung: Andrea Schwieter
Organisation/Pressearbeit: Astrid Herbold
Organisation/Büro: Eva Hartmann
Assistenz der Geschäftsführung: Anastasija Nimmer

Wir danken für freundliche Hilfe und Unterstützung den Sponsoren:
Aral AG, Klaus Boesner, Bogestra, Mercedes Lueg, Schürmann & Spannel, Telekom, Westfalen Bank und weiteren Sponsoren, die ungenannt bleiben möchten, sowie: Freundeskreis des Bochumer Schauspielhauses, Kulturbüro der Stadt Bochum; für die gastfreundliche und informative Begleitung vor Ort: Marion Taube und Hubertus Ahlers, IBA Emscher Park, Tapetzki Bochum, Roland Günter; für Inspiration und Korrektur: DasArts De Amsterdamse School Advanced Research in Theatre and Dance Studies, dem Schwarzalbino und dem Über-Murkel.